11.06.2001 - 14:32 Uhr [aus Internet www.msn.de]

Über 2,7 Millionen deutsche Haushalte überschuldet

Berlin (dpa) - Die Zahl der überschuldeten Privathaushalte ist in Deutschland in den vergangenen Jahren weiter drastisch gestiegen. Von 1994 bis zum Jahr 2000 sei bundesweit ein Anstieg von rund zwei Millionen auf die Rekordzahl von über 2,7 Millionen zu verzeichnen.

Dies teilte am Montag in Berlin die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung (AGSBV) mit, in der zahlreiche Sozialverbände vertreten sind. Damit seien rund sechs Millionen Menschen unmittelbar von Schuldenlast betroffen.

Eine starke Zunahme sei vor allem in den neuen Bundesländern zu verzeichnen. Dort gebe es derzeit mehr als 800 000 überschuldete Privathaushalte, während es im Westen 1,9 Millionen seien. Sprecher der Arbeitsgemeinschaft forderten, es müssten endlich Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Betroffenen eine Chance für einen wirtschaftlichen Neuanfang bieten. Nach Feststellung von Experten dürfte Deutschland nach Großbritannien in Europa das Land mit der zweithöchsten Rate an überschuldeten Privatpersonen sein.

Hauptbetroffene seien in erster Linie kinderreiche Familien, allein Erziehende, Langzeitarbeitslose, aber auch selbstständige Existenzgründer wie Kleingewerbetreibende, die in eine dauerhafte Finanzmisere geraten seien. Die vielfältigen Folgen der Zahlungsunfähigkeit seien sehr belastend für die Betroffenen und ihre Familien: Verlust des Arbeitsplatzes wegen dauernder Lohnpfändungen, familiäre Konflikte in Folge psychischer Überlastung, soziale und gesellschaftliche Ausgrenzung sowie gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Die Arbeitsgemeinschaft startete unter dem Motto "Recht auf Entschuldung" eine Aktionswoche, in der sie bundesweit ihre Forderungen unterstreichen will. So müsse das 1999 in Kraft getretene Verbraucherinsolvenzrecht weitgehend geändert werden, damit es zu einem wirksamen Instrument zur Entschuldung werde. Der Zeitraum, in dem der Schuldner pfändbare Anteile des Gehalts abtreten muss, müsse von sieben auf vier Jahre verkürzt werden. Das Recht auf ein Girokonto müsse juristisch klar gestellt werden.

Außerdem müssten zu den 1 300 Schuldenberatern bundesweit 2 000 weitere hinzukommen, um eine angemessene Beratung der in Finanznot geratenen Menschen sicherzustellen, forderte die Arbeitsgemeinschaft. Notwendig seien auch weit reichende Verbesserungen beim Pfändungsschutz. Hier sei die letzte Anpassung 1992 vorgenommen worden. Seither seien die Lebenshaltungskosten erheblich gestiegen, allein die Mieten um etwa 25 Prozent.