Menschheitstraum bei Rheinkilometer 842,2 gescheitert

Ein Kühlturm wird Europas größte Wasserorgel / Der Brutreaktor in Kalkar / Von Albert Schäffer

KALKAR,.3. November. Chronisten der Geschichte der industriellen und gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts werden künftig nicht mehr nach einem aussägekräftigen Symbol suchen müssen. Kalkar - damit ist der Weg bezeichnet von einem techno logischen Renommnerprojekt zu einem Freizeit- und Vergnügungspark. Ein Brutreaktor, mit dessen Bau im Jahre 1973 nahe der niederrheinischen Kleinstadt Kalkar begonnen wurde, sollte die Energieversorgung revolutionieren. Der Reaktor sollte mehr Kernbrennstoff erzeugen, als er verbraucht hätte. Der Menschheitstraum vom Perpetuum mobile sollte an den Wiesen bei Rheinkilometer 842,2 verwirklicht werden. Doch technische Schwierigkeiten, die zunehmende Skepsis' gegenüber der Atomenergie und ein Sinneswandel in der Politik führten dazu, daß der Reäktor nicht in Betrieb ging und eine Investitionsruine zurückblieb - eine Ruine, die in dieser' Woche ein niederländischer Investor kaufte, um sie in einen Freizeit- und Vergnügungspark zu verwandeln.

Krässer hätte der Wandel eines Vorzeigevorhabens, mit dem die Leistungsfähigkeit deutscher Forschung und Industrie demonstriert werden sollte, nicht ausfallen können. Der niederländische Investor, der Unternehmer Henny van der Most, will die mächtigen Bauwerke, die jetzt noch von einem breiten Wassergraben und Mauern aus Stahl und Beton abgeschirmt sind, zu einem Ferienziel für Familien umbauen. Der Kühlturm soll Europäs größte Wasserorgel, Bürogebäude sollen Hotels, Hallen sollen Sportanlagen werden. Wo noch vor wenigen Jahren für die Befürworter, die ,,Energie der Zukunft" erprobt, für die Kritiker ein ,,Höllenfeuer" entfacht werden sollte, will Van der Most mit Wasserfällen, Wildwasserstrecken und Fontänen, mit Karussells, Kegelbahnen und Kinos die Menschen. anlocken. Und die Energie, die den Rummelplatz der Superlative antreiben wird, muß andernorts produziert werden.

Seiner Gesellschaft, die in dieser Woche einen Vertrag mit der Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft (SBK), einem Unternehmen des RWE-Konzerns, über den Kauf des Kraftwerksgeländes geschlossen hat, hat Van der Most einen bemerkenswerten Namen gegeben: Sie. heißt ,,Kern-Wasser-Wunderland Freizeitpark GmbH in Gründung". Über den Kaufpreis geben beide Vertragspartner keine Auskunft; doch im Unterschied zu den Investitionen in den Brutreaktor wird die Recheneinheit ,,Million" bei der Erstellung der notariellen Urkunde ausgereicht haben. Das Brüter-Projekt hat rund sieben Milliarden Mark gekostet. Nach Angaben der SBK hat der Bund den Großteil der Investitionen getragen, nämlich vier Milliarden Mark. Auch die Steuerzahler in Belgien und in den Niederlanden blieben nicht ungeschoren; beide Länder haben sich mit einer Milliarde Mark beteiligt. 1,6 Milliarden ,Mark brachte die. deutsche Elektrizitätswirtschaft auf, vierhundert Millionen Mark der Hersteller des Reaktors. Kurzum, für die Steuerzahler und Stromkunden ist es ein teurer Spaß gewesen, was nun ein Spaßpark wird.

Wer für dieses finanzielle Fiasko die Verantwortung trägt, darüber ist auffälligerweise wenig gestritten worden, seit im Jahre 1991 der damalige Bundesforschungsminister Riesenhuber das Ende des Vorhabens verkündete. Erleichtert wurde Verneblung der Haftung dadurch, daß sich die Fronten im Konflikt um den ,Reaktor seit Baubeginn mehrfach verändert hatten. Die SPD, die Bundesregierungen unter den Kanzlern Brandt und Schmid, sogar der Deutsche Gewerkschaftsbund waren zunächst für das Vorhaben eingetreten. Auch die nordrhein-westfälische Landesregierung beurteilte zunächst das Vorhaben positiv und erteilte mehrere Teilgenehmigungen. Doch dann trat bei den Sozialdemokraten ein Meinungsumschwung ein, den die Katastrophe in Tschernobyl später noch verstärkte. Eine zermürbende Auseinandersetzung zwischen Düsseldorf und Bonn nahm in den achtziger Jahren ihren Lauf, mit dem bekannten Ritual aus bundesaufsichtlichen Weisungen, aus Klagen, aus Einholung von Gutachten: die Utopie von Kalkar verschwand hinter einer Wand aus Verwaltungs- und Prozeßakten.

Das Wort der ,,Kalkarisierung" von Großvorhaben durch schier unendliche Prüfungen wurde geprägt. Im März 1991 schließlich fand der damalige nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Einert (SPD) die treffliche Formulierung, daß die Landesregierung ,,unabhängig vom Genehmigungsverfahren" die Technologie des Schnellen Brüters aus energiewirtschaftlichen Gründen, aber auch wegen der mit dem Reaktor verbundenen Risiken für nicht akzeptabel halte. Die Botschaft wurde in Bonn verstanden: Riesenhuber zog die Konsequenz - und erklärte im gleichen Monat den Verzicht auf das Vorhaben. Es folgten einige kurzatmige Schuldzuweisungen durch die politischen Parteien mit wechselseitigen Vorwürfen, doch der Schlachtenlärm verstummte rasch; Klagen auf Schadenersatz gegen Land oder Bund blieben aus.

Eine mühevölle Suche nach einer anderweitigen ,Nutzung des siebzehn Hektar großen Geländes mit seinen Gebäuden begann. An Ideen war kein Mangel: Sie reichten von einer Umrüstung zu einem konventionellen, mit Öl oder Gas betriebenen Kraftwerk, über die Errichtung eines Gewerbeparks bis zu einer Nutzung als Zwischenlager für Atommüll. Auch über einen Abriß wurde nachgedacht; doch dazu hätte geklärt werden müssen, wer die Kosten getragen hätte, die auf mehrere hundert Millionen Mark geschätzt wurden. Noch während über die künftige Verwendung debattiert wurde, begann, auf dem Gelände die Demontage: Maschinen und Geräte wurden ausgebaut und veräußert. Die Stadt Kalkar, leidgeprüft durch das Vorhaben, nicht zuletzt durch Großdemonstrationen während der Bauphase, erhielt Unterstützung durch Bund und Land, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Doch so viele Ideen zur Nutzung des Reaktorgeländes auch irn Umlauf waren -verläßliche Investoren stellten sich lange nicht ein. Im Februar dieses Jahres veröffentlichte schließlich die SBK eine Anzeige, in der es lapidar hieß: ,,Angebot. Industriestandort am linken Niederrhein. In ca. 5 Kilometer Entfernung der niederrheinischen Kleinstadt Kalkar (ca. 11 000 Einwohner) steht, der gesamte Kraftwerksstandort des nicht in Betrieb genommenen Schnellen Brüters zum Verkauf." Es meldeten sich etwa siebzig Interessenten, freilich die meisten, wie es in Kalkar hieß, "Spinner oder Leute ohne Geld". Henny van der Most fällt nach der Uberzeugung der SBK in keine der beiden Kategorien. Der 44 Jahre alte Niederländer kann auf einschlägige Erfahrungen in der Verwandlung von schwer veräußerlichen Immobilien in Orte des Vergnügen verweisen; unter anderem hat er eine alte Kartoffelfabrik südlich von Groningen in einen Freizeitpark umgewandelt. In Kalkär will der Unternehmer mehr als vierzig Millionen Mark investieren und vierhundert Arbeitsplätze schaffen. Vom ,,Höllenleuer am Niederrhein" zum ,,Kern-Wasser-Wunderland" - eine Attraktion ist dieses Verwandlungskunststück jedenfalls schon in der Planungsphase.

aus Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. November 1995